Lieferketten reißen selten mit einem lauten Knall

Die Explosion im Hafen von Tianjin gilt als prominentes Beispiel für die Instabilität von Lieferketten – aber nicht als ein typisches.

Supply Chain
Peter Sprengart - Auch einige Wochen nach der Explosionskatastrophe in der chinesischen Hafenstadt Tianjin lassen sich die Auswirkungen nur ansatzweise in Worte fassen. Neben persönlichen Tragödien, sind auch die wirtschaftlichen Folgen der Detonation erheblich. Betroffen ist vor allem die Stadt Tianjin selbst: Mit 13 Millionen Containern jährlich ist der Hafen im Industrievorort Binhai der zehntgrößte der Welt. Über die Hälfte der Wirtschaftsleistung der 15 Millionen-Metropole Tianjin wird über den Hafen erwirtschaftet. Fast jedes zweite nach China importierte Auto kam vor dem Unglück auf diesem Weg ins Reich der Mitte. Die Bedeutung für den Wirtschaftsstandort ist folglich enorm.
Peter Sprengart

Unser Experte zum Thema

Peter G. Sprengart
Senior Manager bei Zurich Global Corporate Germany und Spezialist für die Supply Chain Insurance
Telefon 069 7115 2972 

Gemeinsam mit dem Versicherer können Unternehmen durch eine Analyse der komplexen Lieferketten Ausweichszenarien für bestimmte Vorfälle entwickeln und die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens erhöhen – bis hin zu einem Transfer der Restrisiken. 

Angewiesen auf den Nachschub für die Produktion

Doch auch für deutsche Unternehmen hatte die Explosion spürbare Auswirkungen. Zunächst natürlich durch den Verlust von Gütern, denn der Feuerball vernichtete hunderte von Containern und Importwagen aus Deutschland. In Tianjin sind nach Auskunft der Auslandshandelskammer darüber hinaus rund 150 deutsche Unternehmen ansässig, davon etwa die Hälfte mit eigenen Produktionsstätten. Dazu gehören große Unternehmen, aber auch zahlreiche Mittelständler. Diese Unternehmen befürchteten vor allem die Unterbrechung von Lieferketten und das daraus resultierende Stottern der Produktion. Damit die Maschinen nicht still stehen, sind sie auf einen stetigen Nachschub an Rohstoffen und Teilen angewiesen.

Zahlreiche Ursachen für unterbrochene Lieferketten

Nicht immer reißen Lieferketten mit einem derart imposanten Knall. Ende 2014 etwa sorgte der Bahnstreik für Verzögerungen im Lieferverkehr; Anfang 2012 vernichtete eine kleinere Explosion im Chemiepark Marl erhebliche Mengen eines für die Industrie wichtigen Rohstoffs; im Jahr 2011 havarierte ein Tankschiff im Rhein und legte so die wichtigste Binnenschifffahrtsstraße Europas für einige Wochen lahm. Ein Jahr früher war es tatsächlich schon einmal ein wirklich großer Knall, der die Lieferketten durcheinander brachte: der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull. Aus welchem Grund auch immer die Lieferkette gestört wird – für die betroffenen Unternehmen können die Schäden erhebliche Ausmaße annehmen. Neben den Einbußen bei Wertschöpfung, Umsatz und Gewinn drohen auch langfristige Folgen, wie etwa der Verlust wichtiger Kunden, ein Imageschaden und ein Effekt auf die Bewertung des Unternehmens an der Börse.

Die Komplexität steigt – wer findet die schwachen Glieder in der Kette?

Obwohl Unternehmen sich bemühen, die Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen und Lieferwegen zu reduzieren, stößt das präventive Risk Management mit einem Fokus auf externe Einflüsse irgendwann an die Grenzen der ökonomischen Vernunft. Ein Verzicht auf Konzepte wie Just-in-time-Lieferungen, Offshore Manufacturing und globales Outsourcing bedeutet gerade für Industrieunternehmen einen erheblichen Wettbewerbsnachteil. Die Lieferketten werden zudem immer komplexer, internationaler und damit anfälliger. Zunächst ist es daher wichtig, die Schwachstellen in der Lieferkette zu identifizieren und deren Schadenpotenzial zu beziffern. Unternehmen sind bei diesem Prozess oft auf externe Expertise angewiesen. Gemeinsam mit dem Versicherer können Unternehmen durch eine Analyse der komplexen Lieferketten Ausweichszenarien für bestimmte Vorfälle entwickeln und die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens erhöhen – bis hin zu einem Transfer der Restrisiken. 

Risiken minimieren, Restrisiken absichern: Typische Fragen bei der Analyse

  • Welche Lieferanten sind strategisch wichtig und wie groß ist das Risiko eines Ausfalls?
  • Wie sicher sind der Transport sowie die damit einhergehende Logistik und welche Ausweichmöglichkeiten stehen zur Verfügung?
  • Wie hoch sind Ausfallschäden im schlimmsten Fall und wie hoch müssen Entschädigungssummen sein, um den Effekt zu kompensieren?
  • Wie lange braucht es, eine alternative Beschaffung zu organisieren und sind alle Prozesse dafür vorbereitet?
  • Sind Risikomanagement, Einkauf und Produktion ausreichend eng vernetzt, um Risiken von allen Seiten zu durchleuchten?

Wie können Versicherer zusätzlichen Mehrwert bieten?

Anders als die Unternehmen können Versicherer auf Daten zugreifen, die sie über Jahre hinweg zu weltweiten Schadensereignissen und deren Auswirkungen auf branchenübergreifende Lieferketten gesammelt haben: Welchen Einfluss haben Ausfuhrbeschränkungen seltener Erden in China auf Chiphersteller in Deutschland? Wieso betrifft ein Hochwasser in Thailand einen Autohersteller in Europa? Lieferketten sind nicht immer bis ins letzte Glied transparent. Je weiter ein Schadensereignis von Lieferanten der ersten, zweiten oder dritten Stufe entfernt stattfindet, desto schwieriger ist die Einschätzung von möglichen Auswirkungen auf das Unternehmen in Deutschland. Durch statistische Daten und Auswertungen der Versichererdaten lassen sich hingegen Szenarien entwickeln, die weit über das hinausgehen, was ein Unternehmen in seinem internen Risikomanagement leisten kann.

Komplexität steigt: Beispiel für eine Prozessdokumentation der Lieferkette eines Kunden.

Eine Absicherung der Lieferkette oder auch Supply Chain fordert von den Unternehmen ein hohes Maß an Transparenz. Auch wenn es zunächst sehr aufwändig erscheint, alle Unternehmensprozesse mit Verbindung zur Lieferketten und Produktion exakt zu erfassen, lohnt sich der Aufwand. Ohne diese Informationen lassen sich aus Versicherersicht keine sinnvollen Lösungen anbieten, und ohne sie lässt sich auch das interne Risk Management nicht schlagkräftig positionieren. Ist die Transparenz aber erst einmal hergestellt, lässt sich durch den Versicherer ein weitaus größeres Risikospektrum abdecken: Eine Supply Chain Insurance geht weit über die klassische Betriebsunterbrechungsversicherung hinaus – das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten.

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